Diskriminierung und gesellschaftliche Normen

Als Arbeitsrechtlerin, als Coach, als auf dem Weg der Persönlichkeitsentwicklung befindliche Privatperson beschäftigt mich seit Langem die Frage: Wie entsteht Diskriminierung? Was ist normal? Wer bestimmt, was normal ist? Wie rassistisch bin ich selbst? Huch! Bin ich etwa auch ….ein bisschen … rassistisch, fremdenfeindlich, diskriminierend? Wie hängen Diskriminierung und gesellschaftliche Normen zusammen? Wie leicht oder wie schwer fällt es mir und Dir und Ihnen, den anderen so sein zu lassen, wie er/sie ist? Und noch viel spannender: Wie leicht oder schwer fällt es mir, mich selbst so anzunehmen, und so sein zu lassen, wie ich bin?

Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus finden statt

Diskriminierung findet faktisch gesehen statt. Überall. In der Arbeit, in der Schule, daheim, in den sozialen Netzwerken, in meinem/Deinem/Ihrem Kopf. Wir können politisch korrekt noch so sehr dafür sein, dass wir dagegen sind (gegen Diskriminierung). Fakt ist: Sie ist da und sie behindert uns bei einem gedeihlichen Miteinander. Ich möchte gar nicht eingehen auf das Hin und Her in den sozialen Netzwerken oder auch in den privaten Diskussionen oder im Arbeitsleben. Je nach dem, wo man sich gerade befindet wird der Kampf Gut (weltoffen) gegen Böse (fremdenfeindlich, rassistisch) mehr oder weniger direkt oder subtil durchgeführt.

Da ich als Anwältin und als Mensch natürlich auch die Welt zu einem schöneren und friedlicheren Ort machen möchte, kämpfe ich für ein gedeihliches Miteinander, appelliere ich in Vorträgen zum AGG über die „must haves“ eines Lebens in Vielfalt, twittere ich dazu usw. Und sie sind immer noch da: Die Diskriminierung, der Fremdenhass, der Rassismuss.

Diskriminierung ist verboten – AGG – „Außen“

Wie kommt man dem nun bei? Es gibt gesetzliche Regelungen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz regelt, dass man einen Anderen nicht wegen seiner ethnischen Herkunft, wegen der Rasse, der Weltanschauung, Religion, des Alters oder einer Behinderung benachteiligen darf. Wird Diskriminierung nachgewiesen, drohen Schadensersatzforderungen und/oder arbeitsrechtliche Schritte, z.B.: Versetzung, Abmahnung oder Kündigung.

Es ist wichtig, dass wir durch Gesetze zeigen, dass Diskriminierung nicht erwünscht und geduldet wird. Jedoch reicht das nicht aus, um in den Köpfen und in den Herzen wirklich Raum für mehr Offenheit zu schaffen.

Diskriminierung und gesellschaftliche Normen

Ich habe viel über Normen und das Wort „normal“ nachgedacht. Was ist denn schon normal und wer bestimmt das? Ist es für Frauen Größe 38? Sind es, heterosexuelle Ehe, 2 Kinder und ein Reihenhaus mit Garten und Hund? Wieso ist der Mensch mit Trisomie 21 „nicht normal“? In seiner Welt ist dieser Mensch das ganz bestimmt. Wieso ist meine Welt „normal“ und seine nicht? Wieso ist er an der „Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt“ (§ 2 SGB IX)? Welche Gesellschaft? Wer hat die eingerichtet? Man könnte den Gedanken ewig weiter spinnen. Ich könnte unzählige Beispiele aus meinem Alltag nennen, in denen ich über das „normal“ und das „anders sein“ oder das „so sein, wie man ist“ stolpere.

Ich beginne zu begreifen, dass wir unsere Gesellschaft auf dem Millimeterpapier konzipieren. Die Grenzen, die wir uns in unserem Empfinden von „normal“ setzen, sind ganz schön eng.

Den eigenen Schatten erkennen – Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung im Inneren

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Zuerst darf ich/darfst Du/ dürfen Sie selbst erkennen, wo überall Sie Menschen bewerten, beurteilen, verurteilen für ihr Anderssein. Sie, Du und ich dürfen erkennen, dass wir alle auch wenn wir noch so gut sind und noch so sehr die Welt retten möchten und wollen, dass alle Menschen sich lieb haben im Grunde unseres Herzens diese dunkle Kammer haben, in der Hass, Fremdenfeindlichkeit, Angst vor Veränderung, Neid, Unsicherheit, Ohnmacht, Wertlosigkeit, Selbsthass etc. leben.

Ich glaube zutiefst, dass ich selbst erst mal frei werden muss von all diesen Gefühlen und das beginnt damit, sie zu erkennen, sich ihnen zuzuwenden und sie anzunehmen. Bevor ich den Schritt der Erkenntnis meiner eigenen Abgründe nicht gegangen bin, kann ich mich nicht öffnen. Probieren Sie das mal aus. Verdrängen bringt nichts. Und ich behaupte, wer sagt, dass er diese dunkle Kammer in sich nicht hat, der hat noch nicht richtig nachgeschaut.

Was kann ich selbst tun, um mich zu öffnen?

Das Thema ist sehr vielschichtig und ich bringe meine Gedanken auch nur bruchstückhaft heraus. Gleichwohl habe ich etwas gelernt in dem Prozess des Beobachtens. Ich habe mich seit Beginn 2018 dabei beobachtet, wie ich Menschen und Situationen beurteile. Ich hab das wertfrei getan, mich also nicht gleich selbst dafür verurteilt. Ich war erstaunt, wie spießig ich bin und wie anmaßend. Ja, und ich habe auch diese dunkle Kammer gefunden. Und hineingeschaut. Schön ist das nicht aber es nutzt ja nix. Und ich habe einen Weg gefunden, die Gefühle von Angst vor dem Fremden oder der Veränderung oder dem Anderssein zu integrieren.

Ich mache es genau so, wie beim Spagat üben. Achtung: Gedankensprung auf die körperliche Ebene: Ich übe seit einem halben Jahr Spagat. Es dauert. Es tut weh und es geht Schrittchen für Schrittchen. Vor ein paar Wochen gelang es mir erstmals richtig! Ich war stolz. Ich hatte gelernt, dass ich meine Komfortzone  behutsam dehnen kann und dass ich dabei über mich selbst hinaus wachsen kann. Etwas, das ich vor einem halben Jahr nicht für möglich gehalten habe, ist plötzlich kein Problem mehr. Ich mache nun jeden Tag Spagat, um meine Flexibilität zu erhalten. Gleichzeitig setze ich mich, wie in der Vergangenheit auch, immer wieder Menschen aus, bei denen es knirscht. Menschen, die nicht so smooth für mich sind, bei denen es nicht harmoniert.

Ich trete dann ein Schrittchen zurück und betrachte die Situation wertfrei. Ich entscheide mich, dass ich diesem Menschen eine, zwei, drei, vier … Chancen gebe und ich gebe sie mir auch. Ich bin bereit, mich zu öffnen. Das kann weh tun und wenn ich behutsam vorgehe und ein Risiko eingehe, mich nicht fürchte vor kleineren Schmerzen, dann klappt es in 99% der Fälle ganz erstaunlich gut. Und so mache ich es weiter. Immer raus aus der Komfortzone. Wach sein für die eigenen Schatten und dunklen Kammern. Sich trauen, da hinein zu schauen. Mir meine eigene Fremdenfeindlichkeit bewusst machen und eingestehen. Sie ansehen und meine Komfortzone immer wieder dehnen. Mit Gewalt klappt das nicht. Wer es ausprobieren möchte, kann ja mal ohne Erwärmung und ohne Übung ins Spagat springen!

Warum ich die ganze Zeit hauptsächlich von mir gesprochen habe? Sie wissen schon: Bei sich bleiben. Sich an der eigenen Nase packen und voran gehen. So kann es klappen.

 

 

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